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Hier findet sich das Original: Durchblick - Senioren-Zeitung Siegen

Das Altarstufenkind

Michael Dannenburg hatte gleichgültig den Leitartikel in der Tageszeitung überflogen. Plötzlich blieb sein Blick wie gebannt an einer kleinen Meldung hängen: „Aus der städtischen Vollzugsanstalt entlassen wird heute der seit fünfzehn Jahren inhaftierte Gefangene Fred Willmann. Der 46-Jährige wurde damals gleich nach dem Raubüberfall auf die Volksbank gefasst. Seinem Komplizen Eberhard Strelinko gelang bereits ein halbes Jahr nach der Tat die Flucht. Von ihm und der geraubten Beute fehlt bis heute jede Spur.“

Michael Dannenburg kannte Eberhard Strelinko nicht, aber er wusste plötzlich genau, dass dieser Name eine entscheidende Rolle in seiner Vergangenheit spielte, die seit vielen Jahren in völliges Dunkel gehüllt war. Das wenige, was der junge Mann über seine Herkunft wusste, hatte ihm sein Adoptivvater erzählt. Der gottesfürchtige Mann, Küster der Marienkirche, hatte vor fast zwei Jahrzehnten auf den Altarstufen der Kirche ein seltsames Geschöpf gefunden, das einem Tier eher glich, als einem Menschen, grunzende Laute von sich gab und wie wild um sich schlug, als der Küster sich ihm näherte. Das „Altarstufenkind“ machte Schlagzeilen in den Tagszeitungen. Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass es sich bei dem Findelkind um einen etwa sechsjährigen, völlig abgemagerten und scheinbar zurückgebliebenen Jungen handelte, der nur ein einziges Wort artikulieren konnte: „Vater“. Die jahrelangen Bemühungen der Polizei, hinter das Geheimnis des Kindes zu kommen, blieben ergebnislos. Nicht vergebens indessen blieben die Versuche der Ärzte und Psychologen, den total verschlossenen Jungen an die neue, normale Umwelt heranzuführen.

Nach langer psychischer und physischer Behandlung wurde das Altarstufenkind von Küster Dannenberg in dessen Familie integriert. Seine Lehrer stellten fest, dass der Schüler auf einen Wissensfundus zurückgreifen konnte, dessen Ursprung für ihn selbst und andere im Dunkeln blieb. Was vor jenem Dezembertag mit ihm geschehen war, bei wem er gelebt und wer ihn in so jämmerlichem Zustand in die Kirche gebracht hatte, vermochte ihm keiner zu sagen und sein Gedächtnis versagte den Dienst.

Während Michael Dannenburg auf die Zeitungsnotiz starrte, die plötzlich einen winzigen Schimmer in das Dunkel der Vergangenheit zu gewähren schien, rief er die wenigen Details, die ihm von seinem Auffinden berichtet worden waren, noch einmal ins Gedächtnis: In einer Tasche der zerlumpten Kleidung des Findlings hatte der Küster ein vergilbtes Passbild gefunden, das ein ernstes, sympathisches Männergesicht zeigte. Auf der Rückseite war mit ungelenker Kinderschrift ein Name geschrieben, der schwer zu entziffern war. Plötzlich kam die Erkenntnis: Der Name könnte Strelinko heißen. „Dieser Mann auf dem Foto könnte dein Vater sein“, hatte der Küster später gesagt, und auf die Ähnlichkeit mit dem Adoptivsohn verwiesen, die nicht zu übersehen war. Das schmale Gesicht, der Ausdruck der dunklen Augen, das war dem Heranwachsenden lieb und vertraut. Hatte der gesuchte Bankräuber etwas mit dem Mann auf dem Foto zu tun gehabt? Das war für den jungen Michael kaum vorstellbar. Eberhard Strelinko – allein der Name, der da im Dunkel seines Gedächtnisses aufgetaucht war, verursachte ein bedrückendes, beunruhigendes Gefühl. Trotzdem: Die erste Barriere, die die Tür zur Vergangenheit blockiert hatte, war gefallen.

Der junge Mann suchte noch am selben Tag den entlassenen Gefangenen Fred Willmann auf, dessen Adresse er im Städtischen Gefängnis erfahren konnte. Der hagere Mann mit den verbitterten Gesichtszügen betrachtete den Fremden voller Misstrauen. Aber die Geschichte vom Altarstufenkind schien ihn zu rühren. Außerdem hatte Strelinko ihm vor der Flucht aus dem Gefängnis versprochen, dem Komplizen nach dessen Entlassung aus der Haft die Hälfte der versteckten Beute zu überlassen. So hatte Dannenburg letztlich mit seiner Bitte Erfolg, Willmann bei seiner Fahndung nach dem Komplizen zu begleiten. „Von mir aus kommen Sie mit“, brummte der mürrisch. "Keine Ahnung, ob der Schuft noch in dem Versteck zu finden ist, das er mir genannt hat. Das war eine alte Fischerhütte an der Nordseeküste. Er hat sich nie wieder gemeldet und die Beute vielleicht längst verjubelt, während ich für ihn gesessen habe.“

Nach zweitägiger vergeblicher Suche nach der Fischerhütte in einem kleinen Dorf, das Willmann noch in Erinnerung hatte, wich Dannenburg vom Weg ab, bahnte sich einen Trampelpfad durch hohes Gras und stand plötzlich vor einem baufälligen, wenig einladenden Gebäude. Das alte Haus übte einen unheimlichen Zwang auf ihn aus. Ohne zu suchen, ging er zielstrebig an der hinteren Hausfront auf eine abgesenkte Kellertreppe zu und kam durch einen langen Gang in einen düsteren, höhlenartigen Raum. Alles erkannte er wieder. Hier war die Hölle seiner Kindheit gewesen. In einer Ecke lag noch die Matratze, die sein Lager gewesen war. Da stand die Holzkiste, auf der er endlose Stunden gesessen und die Wand angestarrt hatte. Neben dem Schrank hing die Hundepeitsche, die immer wieder auf seinem nackten Rücken gelandet war. Ein Kinderanzug fiel ihm entgegen, außerdem ein Ausweis, aus dem ein Foto entfernt worden war; es war das Bild, das der Küster bei dem Altarstufenkind gefunden hatte. Ganz plötzlich sah Michael Dannenburg seinen Vater lebensnah vor sich, und eine dunkle Wand, die sein Gedächtnis blockiert hatte, brach zusammen. Von oben im Haus hörte er eine Stimme die ihn ebenso entsetzte, wie die Worte, die gesprochen wurden.

Ja, es ist alles anders gekommen, als wir dachten. Als ich damals wie geplant die Juwelen aus dem Banktresor in den Klippen verstecken wollte, wurde ich beobachtet. Ein Mann, der mit seinem Sohn auf den Felsen herumgeklettert war, wollte mich zwingen, das Zeug der Polizei zu bringen. Da musste ich ihn über die Klippe springen lassen. Der Junge sah das mit an, bekam einen Schock und drehte durch. Er war seitdem total übergeschnappt. Nur gut, dass er nicht mehr sprechen konnte. Ich habe ihn dann ein Jahr in den Keller gesteckt, dann ins Auto gepackt und in einer Kirche abgelegt. Der wird jetzt sicher in einer Anstalt sitzen.“Gemeiner Lump“, brüllte Willmann. Der andere lachte böse: „Sei friedlich, ohne mich kommst du nicht an deinen Anteil der Beute.“

Wenig später verfolgte Michael Dannenburg die beiden Männer unbemerkt auf dem schmalen Weg, der zur Steilküste führte. Oben angelangt blieb Eberhard Strelinko plötzlich stehen, zog ein Messer aus der Tasche und tippte Willmann damit auf die Schulter: „Glaubst du wirklich, ich bin so dumm, das Zeug so lange für dich aufzuheben? Hier ist schon seit Jahren nichts mehr versteckt. Du bist mir im Weg und wirst künftig da unten dem alten Herrn Gesellschaft leisten.“ Für Michael Dannenburg, der sich dicht neben den beiden Männern hinter einem Felsen verborgen hatte, war jetzt der Moment der Abrechnung gekommen, der Moment der Rache für sein Martyrium und für den Mord am geliebten Vater. „Der alte Herr ist hier“, sagte er dumpf, mitten hinein in das fassungslos entsetzte Gesicht seines einstigen Peinigers. Er war sich jetzt der Ähnlichkeit mit seinem Vater voll bewusst. Strelinko, der den Ermordeten vor sich glaubte, stieß einen gellenden Schrei aus und stürzte ins Bodenlose.

Maria Anspach

 

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